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02.02.2016

"Wenn es sein muss, wird per Megafon gebetet" - Ein Bericht von Stefan Töpfer aus der Frankfurt Allgemeinen Zeitung.


Die Gemeinde von Ulrike Johanns und Heinz Goldkuhle ist der Flughafen. Die Pfarrer geben Halt — in kurzen Gesprächen im Terminal genauso wie bei tragischen Todesfällen.

Normalerweise müssen Pfarrer nicht laut werden, wenn sie beten. Bei Ulrike Johanns und Heinz Goldkuhle kann das schon einmal anders sein — etwa dann. wenn sie auf dem Vorfeld des Flughafens Trauernden Trost spendenund innehalten wollen, während hinter ihnen Flugzeuge starten und landen.

Es gibt zwar eine Kapelle im Terminal 1‚ die auch für Trauerfeiern genutzt wird, aber manchmal ist es eben wichtig hinauszufahren, dorthin, wo ein Unglück geschehen ist oder wenn mehr Menschen Abschied nehmen wollen, als in die Kapelle hineinpassen. Dann müssen die Pfarrer den Lärm auf dem Vorfeld übertönen, um gehört zu werden. Goldkuhle hat dafür sogar schon einmal ein Megafon genutzt.

Verglichen mit „normalen“ Gemeinden ist am Flughafen manches anders. Doch das schätzen die evangelische Pfarrerin und ihr katholischer Kollege. Johanns ist schon seit 1998 als Seelsorgerin dort tätig. Sie sieht es als einen wichtigen Auftrag der Kirche im von Geschäftigkeit geprägten Flughafen an, „Orte anzubieten, an de- nen die Leute zur Ruhe kommen und bei sich ankommen können“. Am Mittwoch macht Johanns dafür besondere Angebote - zum Beispiel mit Mittagskonzerten und den „Auf einWort“ genannten Andachten mit Ansprachen von Menschen, die im Flughafen arbeiten. Heute um 12 Uhr gibt es ein Neujahrskonzert, bei dem Fraport-Mitarbeiter spielen. An dessen Ende spendet Johanns den Neujahrssegen.

Überhaupt: der Segen. Beide Seelsorger Sagen das Wort oft, wenn sie über ihre Arbeit sprechen. Sei es, dass Passagiere um einen Reisesegen bitten, Pilgergruppen zum Beispiel, wie Goldkuhle sagt. Sei es, dass um einen Segen für bestimmte Räume gebeten wird. Johanns bringt dann einen schön eingerahmten Bronzeengel mit und spricht ein Gebet. Der Engel hängt inzwischen in der Feuerwache 4, dem Ground Control Center und im Servicecenter der Bodenverkehrsdienste der Fraport. „Außerdem enden viele Gespräche mit einem Segenswunsch", sagt Johanns.

Sie und Goldkuhle kommen nicht nur, wenn sie gerufen werden, sondern sind oft im Flughafen unterwegs und sprechen mit Passagieren, nicht zuletzt aber mit jenen, deren Arbeitsplatz er ist: mit Mitarbeitern von Fraport und Lufthansa etwa, Angestellten in Geschäften und Restaurants, Polizisten. „Es ist wichtig, sich auf den Weg zu machen und Präsenz zu zeigen“, sagt der Pfarrer.

Aber auch in ihren Büros in der Halle B im Terminal l, nahe der Kapelle, stehen die Pfarrer für Seelsorge-Gespräche zur Verfügung. Diese Kapelle, in der Goldkuhle täglich eine Messe hält, ist nicht die einzige im Flughafen. In den neunziger Jahren wurde eine im Transitbereich von Terminal 2 eröffnet und im Januar 2015 eine im Transitbereich von Terminal 1, neben dem muslimischen und dem jüdischen Gebetsraum.

Goldkuhle arbeitet seit Dezember 2014 im Flughafen. Wie seine Vorgänger, ist der Fünfundsechzigjährige Pallottiner-Pater. Eigentlich wollte er vor zwei Jahren in die Gemeinde-Seelsorge nach Kapstadt, doch die Stelle hat ein anderer bekommen. So bat ihn sein Orden, Flughafenpfarrer zu werden. Das Bistum Limburg finanziert seine Stelle, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) die von Johanns.

Johanns, 61 Jahre alt, schätzt es, schon lang im Flughafen tätig zu sein, in dem sie auch bis zu ihrem Ruhestand arbeiten will. Auch Goldkuhle legt Wert auf Kontinuität. lm Prinzip kann er bis zu seinem 75. Lebensjahr auf dieser Stelle bleiben. Lust dazu hätte er, wie er sagt.

Beide haben keine Schwierigkeiten damit, auf Menschen zuzugehen und das Gespräch zu suchen, Das liegt nicht zuletzt an den Stellen, die sie schon hatten und in denen die gleiche Fähigkeit gefragt war: Johanns war 15 Jahre lang Krankenhauspfarrerin und Goldkuhle zehn Jahre in Dortmund in der City-Pastoral tätig.

Beide leisten die Seelsorge im Flughafen nicht allein. Sie haben je einen Pfarrer mit einer halben Stelle zur Seite. Benjamin Atanga ist auch Pallottiner. Er stammt aus Kamerun und arbeitet vor allem in der Flüchtlingsunterkunft auf dem Flughafen. Der evangelische Pfarrer Benjamin Krieg kümmert sich nicht zuletzt um einen Treuhand-Fonds, den die EKHN mit einer Spende des Fraport-Vorstands und deren leitenden Angestellten eingerichtet hat. Ersteht allen Mitarbeitern von Betrieben und Behörden am Flughafen offen, die in eine Notlage geraten sind. Außerdem gehören zur katholischen und evangelischen Flughafenseelsorge je eine Sekretärin und etliche Ehrenamtliche.

Wert legen Johanns und Goldkuhle nicht nur auf eine gute Zusammenarbeit zwischen ihren Stellen, sondern auch mit der islamischen und jüdischen Seelsorge. Um die islamischen Gebetsräume kümmert sich ein Fraport-Mitarbeiter, der eine lmam-Ausbildung hat, für die jüdischen ist die Frankfurter Jüdische Gemeinde zuständig. Ein wichtiges Zeichen sind die „abrahamischen Feiern“, zu denen Christen, Juden und Muslime zusammenkommen - benannt nach Abraham, der in allen drei Religionen eine wichtige Rolle spielt. Johanns hatte die Idee dazu im Jahr 2001, nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten. Auch für Gespräche über Ereignisse wie dieses oder den Absturz der Germanwings-Maschine im März sind die Flughafenpfarrer da und bieten Zeit und Raum, sie zu verarbeiten, in Einzelgesprächen und Andachten.

Wichtig findet Goldkuhle aber auch noch eine andere Präsenz der Kirchen: Caritas und Diakonie stellen Mitarbeiter, die Abschiebungen beobachten und Verstöße melden, so sie vorkommen. Ein eigens gegründetes Forum, dem auch die Bundespolizei angehört, gibt regelmäßig Berichte heraus. „Es ist gut, dass es dieses Fo- rum gibt“, sagt der Pfarrer, der selbst bei Abschiebungen dabei war. Man könne sie zwar nicht verhindern, aber den Menschen beistehen. Flughafenpfarrer müssen auch Seelsorger in extrem schwierigen Situationen sein wollen.